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Unter dem lauten Sirenengeheul der Schiffe im Hafen von Cagliari
zieht die goldene Kutsche mit dem prachtvoll gekleideten Standbild
des Heiligen Ephisius am 1. Mai alljährlich von der Kirche
Sant’Efisio den Largo Carlo Felice entlang und am Rathaus in der
Via Roma vorbei, begleitet von zahlreichen Pilgern, Reiter- und
Trachtengruppen. Die Wallfahrer kommen aus Cagliari und Umgebung
und setzten mit ihrer Pilgerreise eine Tradition fort, die die Hauptstadtbewohner
1656 begründeten. Das Ziel des Bittgangs ist die Kirche von
Sant’Efisio in Nora
an der Südwestküste
von Sardinien.
Vom 1. bis 4. Mai erinnert die Sagra di Sant'Efisio alljährlich
an das Gelübde, dass die Stadt Cagliari dem Schutzpatron von
Capoterra und der Diözese Cagliari um 1650 ausgesprochen hatte,
als er die Inselbewohner vor der Pest rettete.

Die Kutsche mit
dem Standbild des Heiligen Ephisuis verläßt die Kirche
Sant'Efisio im Stadtviertel Stampace
Damals, zwischen 1652 und 1656, wütete das große
Sterben auf der Insel. 1652 wurde Sardinien zunächst von einer
großen Heuschreckenplage heimgesucht, die sämtliche Ernten
vernichtete. Noch im gleichen Jahr brach dann auch die Pest aus.
Allein in Alghero und Sassari raffte sie Tausende Sarden dahin.
Die Einwohnerzahl der Inselhauptstadt Cagliari schrumpfte um fast
die Hälfte.
In ihrer Not riefen die Hauptstadtbewohner den Heiligen Ephisius
an, der sie erhörte und die Stadt von der Pest befreite. Zum
Dank für die Errettung von der Epidemie gelobten die Cagliaritaner
den Heiligen mit einem Fest zu ehren und von seinen Wundern zu erzählen.
Seit 1656 lösen Cagliaritaner und Gläubige ihr Versprechen
regelmäßig Anfang Mai mit einer vier Tage währenden
Wallfahrt ein.

Den Weg von der
Kirche zum Rathaus in der Via Roma schmückt ein Blütenteppichen
aus Rosenblättern
Ausgangspunkt der Pilgerreise, bei dem das prächtig gekleidete
Standbild des Heiligen in einer goldenen Kutsche von Ochsen gezogen
wird, ist die kleine Kirche Sant’Efisio im Stadtviertel Stampace.
Punkt zwölf verlässt Ephisius das Gotteshaus. Er wird
von Wächtern in Frack und Zylinder zu Ross, vom Alter Nos (einem
Mitglied der Gemeindeverwaltung, das für die Beziehungen zwischen
Kirche und Stadt zuständig ist), der Bruderschaft und Schwestergesellschaft
von Sant'Efisio im Bußgewand sowie Tausenden Pilgern begleitet.
Der Umzug, bei dem festlich geschmückte Karren, Reiter und
Folkloregruppen aus der ganzen Insel in traditionellen Kostümen
dem Standbild vorangehen, führt von Stampace über Giorgino,
La Maddalena, Su Loi, Villa D’Orri, Sarroch, Villa San Pietro und
Pula nach Nora.

An der Prozession
nehmen alljährlich Tausende Folkloregruppen aus der ganzen
Insel teil
AI bagliori del Santo: Entkleidung, Rosenkränze und
Reliquien in Girogino
Der Stadtteil Giorgino putzt sich zum Festtag des Heiligen
immer besonders heraus. Jedes Jahr Anfang Mai werben hier die Villa
Ballero und die Kapelle Sant’Efisio um die Gunst der Wallfahrer.
Giorgino, mit etwa 500 Einwohnern das kleinste Stadtviertel der
Inselhauptstadt, ist untrennbar mit der Sagra di Sant’Efisio verbunden.
Die kleinen Kapelle in der Villa Ballero ist für Ephisius die
erste Etappe auf seinem Weg nach Nora. Hier werden dem Standbild
des Heiligen am ersten Tag des Festes die prächtigen Kleider
abgenommen und durch andere, weniger prunkvolle ersetzt. Auch die
prachtvolle Kutsche wird hier gewechselt.
Zum 353. Festtag des Geheiligten wurde zum ersten Mal auch eine
prächtige Ausstellung sakraler Kunstgegenstände gezeigt.
Neben aufwendig gearbeiteten Rosenkränzen gibt es einige kostbare
Heiligenreliquien zu sehen. Prunkstück der Ausstellung ist
eine silberne Kreuzreliquie mit einem Körperteil des Heiligen.

Die Pilgerreise
geht über Giorgino, La Maddalena, Su Loi, Villa D’Orri, Sarroch,
Villa San Pietro und Pula nach Nora, wo der Heilige sein Martyrium
erlitt
Nach der Entkleidung des Heiligen zieht der Prozessionszug
mit zahlreichen Gläubigen über La Maddalena und Su Loi
zur Villa D’Orri im Ortsteil von Sarroch. Der herrschaftliche Landsitz
der Familie Manca aus Vallermosa beherbergte von 1797 bis 1817 Karl
Felix von Savoyen und andere Mitglieder der Königsfamilie.
Heute gehört es zur Tradition der prächtigen Villa, am
1. Mai das Standbild des Heiligen vor seinem Weiterzug nach Sarroch
in der kleinen Kapelle aufzustellen.

Halt in der
Kapelle der herrschaftlichen Villa D'orri bei Sarroch
Am 2. und 3. Mai geht es über Sarroch, Villa San Pietro und
Pula weiter nach Nora, wo Ephisius, der religiösen Überlieferung
nach, im Jahr 303 n.Chr. von einem römischen Soldaten enthauptet
wurde.
Am Morgen des 4. Mai wird die Rückreise angetreten und nachts
in Cagliari beendet. Um das feierliche religiöse Gelübde
für erlöst zu erklären, muss der Heilige innerhalb
Mitternacht die Kirche von Sant’Efisio in der Inselhauptstadt erreichen.

Rückkehr
am 4. Mai in der Villa Ballero in Girogino im Westen der Lagune
von Santa Gilla
Votivgaben als Dankzeichen der Gläubigen
Als Dank beschenken die Gläubigen Ephisius mit zahlreichen
Votivgaben. Sie bezeugen die durch den Heiligen erfahrenen Gnaden.
Die Form der Gaben reicht von einfachen Rosenkränzen über
schlichte Goldkettchen bis hin zu wertvollen Anhängern und
Kolliers. Eine der ersten bekannten Votivgaben, ein kostbares Goldmedaillon,
wurde Sant’Efisio von der Habsburger Fürstin Maria Theresia
von Österreich gespendet.
Auf dem Weg von Giorgino nach Nora erhält Ephisius von Pilgern
und Gläubigen am Wegesrand als Ausdruck ihrer Verehrung und
Hingabe zudem zahlreiche Gedenkgeschenke. Das ist auch der Grund,
warum sich die Prozession auf dem Weg nach Nora und zurück
nach Cagliari merklich verlangsamt.

Auch bei seiner
Rückkehr nach Cagliari am 4. Mai wird der Heilige von zahlreichen
Pilgern und Gläubigen begleitet
Efisio di Elia – vom Christenverfolger zum Apostel Jesu
Der bei Antiokien in Kleinasien geborene Ephisius von Elias befand
sich Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. als Anführer einer
Heerschar des römischen Kaisers Dioklezian auf Sardinien. Hier
führte er den Befehl aus, die jungen christlichen Gemeinschaften
der Insel blutig zu unterdrücken, bis ihm eines Tages in einer
visionären Lichterscheinung der auferstandene Jesus begegnete.
Ephisius erfuhr die Begegnung als Berufung zum Jünger Jesu,
die von da an sein weiteres Leben bestimmte. Vom Christenverfolger
wurde er ein begeisterter Anhänger des Gottessohnes und zum
Martyrer seines Glaubens. Nach einem Gefängnisaufenthalt in
Cagliari wurde er in Nora, an der Südwestküste von Cagliari,
auf Befehl des Kaisers umgebracht und von der Kirche bald als Heiliger
verehrt.

Pilgern und Gläubigen
halten die Kutsche des Heiligen auf seinem Weg immer wieder an.
Deshalb verlangsamt sich die Prozession auch immer merklich
Video
Clip Sant'Efisio
3° Etappe in Pula
Text: Andrea Behrmann; Fotos: Sascha Stein, Paolo Succu
Letztes Update: 26. April 2010
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