Fotograf Pablo Volta
Im Gespräch über Anspruch und Perspektiven seiner Fotografie
Pablo Volta ist einer der italienischen Fotografen, der auf hohem Niveau über viele Jahre erfolgreich ist. Der italo-argentinische Reporter aus Buones Aires kehrte 1932 nach Italien zurück und hat Haltung und Gesicht der neuen italienischen Fotografie entschieden mitgeprägt. Mit seinen Fotoreportagen der 1950er und 1960er Jahre über Unterdrückung und Wiederstand in den Dörfern der Barbagia auf Sardinien hat er Maßstäbe jenseits von Tradition und Moderne gesetzt. Pablo Volta lebt seit 1987 auf Sardinien in San Sperate.

Sardinien.com: Herr Volta Sie sind in Buenos Aires in Argentinien geboren. Würden Sie sagen, dass die Tatsache, dass Sie dort die ersten Lebensjahre verbracht haben, einen Einfluss auf Ihre Fotografie hatte und wenn ja welchen?

Pablo Volta: Nein, eigentlich nicht. Meine Eltern zogen schon 1932 wieder nach Italien, da war ich erst sieben. In Erinnerung ist mir der argentinische Tango geblieben. Ich war hingerissen von der Musik, der Eleganz der Bewegungen, der Innigkeit. Der Tango beinhaltet alles und durch den menschlichen Ausdruck wird er zur Kunstform. 

Sardinien.com: Wann haben Sie angefangen sich mit Fotografie zu beschäftigen? Welche Ausbildung haben Sie absolviert?

Pablo Volta: Zur Fotografie kam ich durch meinen Vater, der Kriegskorrespondent für die italienische Zeitung Corriere della Sera war. 1949 war er als Journalist in Berlin tätig. Wir erreichten die deutsche Hauptstadt mit einem amerikanischen Flieger der Air Force voller Kohlen und Kartoffeln für die westberliner Bevölkerung. Nach der Blockade der westlichen Sektoren Berlins durch die Sowjetunion versorgten nämlich Transportflugzeuge über eine Luftbrücke die dort ansässigen Einwohner. Auf dem Schwarzmark habe ich dann meine erste Kamera, eine Contax, ersteigert – oder besser getauscht, gegen Kondensmilch und Zigaretten. Noch im gleichen Jahr absolvierte ich einen Fotokurs bei den US-Militärs und begann meine ersten Fotos in Berlin zu schießen. Kurze Zeit später kehrten wir nach Italien zurück. Zusammen mit den Fotografen Franco Pinna, Plinio De Martis, Mario Garruba und Nicola Sansone gründeten wir 1951 die erste italienische Kooperative für Fotografie Fotografi Associati in Rom. Wir hatten es uns zum Ziel gemacht, fotografische Themen gemeinsam zu erarbeiten und umzusetzen. Wir fotografierten Berühmtheiten, insbesondere Stars des Films und beschäftigten uns mit Cronaca Nera (Verbrechen und Polizeiberichten). Später arbeitete ich viele Jahre als Berichterstatter für die italienische Fernsehagentur RAI in Paris

Sardinien.com: Die Fotografie ist ein in verschiedenen Bereichen eingesetztes Medium. Ihre Bilder haben einen vorwiegend künstlerischen Charakter. Wie sehen sie ihre Fotografien?

Pablo Volta: Ich versuche immer meine ganz eigene Sichtweise auszudrücken. Mit der Kamera dokumentiere ich den Augenblick. Meine Fotografien halten diesen Moment fest – stoppen in quasi. Über längere Zeiträume lassen sich dadurch Entwicklungsprozesse fotografisch festlegen.
 
Sardinien.com: Sie sind 1954 auf Grund einer Neuauflage des Bildbandes
Inchiesta su Orgosolo (Anm. Die Banditen von Orgosolo – Porträt eines sardischen Dorfes) von Franco Cagnetta zum ersten Mal nach Sardinien gereist. Bei Ihrern Fotoreportagen über die sogenannten Banditendörfer der Barbagia haben Sie sich vorwiegend für die Schwarzweißfotografie entschieden. Warum? Welches Italien haben Sie gesehen? 
 
Pablo Volta: Ja, 1954 reiste ich mit Franco Cagnetta zum ersten Mal nach Sardinien. Er sammelte Material für sein Buch, das ich illustrieren sollte. Wir fuhren nach Orgosolo ins Gebiet des Supramonte, einem Gebirgszug im Inland. Für seine Untersuchungen hatte er sich das 3000 – 4000 Einwohner zählende Dorf ausgesucht, da Banditenkriege, Rebellion gegen die Staatsgewalt, Überfälle und Viehdiebstahl in dieser Region an der Tagesordnung waren. Zur Zeit unseres Aufenthaltes stationierten in Orgosolo an die 1000 Polizisten und Militärs. Ich erlebte eine Welt, von der eine so ungewöhnliche Faszination ausging – ein vollkommen anderes Italien, das ich so gar nicht kannte: Archaisch und würdevoll. Es entstanden Dokumentations-, Landschafts- und Portraitaufnahmen in Schwarzweiß. Für die Schwarzweiß-Fotografie habe ich mich entschieden, da man mit ihr mehr plastische Tiefe und Schärfe erzielt – in ihr zeichnet sich jede Einzelheit plastisch ab, während die Farbfotografie das Bild banalisiert.

Sardinien.com: Der italienische Verlag Ilisso hat Ihnen 2007 den Bildband La Sardegna come l’Odissea (Anm. Sardinien wie die Odyssee) gewidmet. Ist Sardinien Ihr Ithaka?

Pablo Volta: Ja, das kann man so sagen. Sardinien ist zu meiner Heimat geworden. Ich fühle mich hier wohl. Nach meinem ersten Besuch mit Franco Cagnetta bin ich schon im Jahr darauf für zwei Monate wieder auf die Insel gereist. Ich habe die archaische Atmosphäre genossen, die Schlichtheit und die Schönheit der alltäglichen Handlungen. Nachdem ich regelmäßig ein bis zwei Monate auf Sardinien verbracht hatte, erschien 1957 meine erste Bildreportage zum sardischen Karneval in Mamoiada. Im Gebiet des Supramonte steht der Karneval in direktem Bezug zum Alltag, zu den Lebensbedingungen der Bauern und Hirten, zur Natur. (Anm. Die Mamuthones, mit Tierfellen, Viehglocken und schaurigen Holzmasken bekleidet, sind die berühmten Karnevalsmasken aus Mamoiada.) Aufgrund von Verpflichtungen - meine Arbeit als Berichterstatter für die italienische Fernsehagentur RAI hatte mich Ende der 1950er Jahre nach Paris verschlagen - kam ich erst Mitte der 1970er Jahre wieder nach Sardinien, dann aber regelmäßig alle Jahre einmal, bis ich 1987 in San Sperate heimisch wurde. In den 1970er Jahren lernte ich in Orgosolo den aus Siena stammenden Kunstlehrer Francesco Del Casino und dessen ausdrucksstarken Wandmalereien kennen. Mich beeindruckte die Aussagekraft der Murales, die ich z u fotografieren begann. 

Sardinien.com: Was hat Sie nach San Sperate gezogen? Welchen Einfluss hat das Museumsdorf und die Nachbarschaft zum berühmtesten Bildhauers Sardinien (Anm. Pinuccio Sciola) auf ihre Fotografie?

Pablo Volta: Nun, ich hatte von den Wandmalereien in San Sperate gehört und wollte auch diese fotografieren. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Pinuccio Sciola kennen, mit dem mich bis heute eine große Freundschaft verbindet. Einen direkten Einfluss auf meine Fotografie? Nein, das eher nicht. Mein Eindruck aber ist, dass San Sperate im Laufe der Jahre im vergleich zu anderen Ortschaften wenig von seiner Atmosphäre und Authentizität eingebüßt hat. Das gilt auch für die Menschen und ist typisch für kleine Ansiedlungen. Keine Frage, der Lauf der Zeit überformt und verändert und vieles verliert seine Symbolik und seine ursprüngliche Bedeutung, das stürzte mich jahrelang in eine Schaffenskrise. Dörfer wie San Sperate haben ihre Riten und Bräuche, die ich so gerne in Szene setze, erhalten. Sie geben Einblicke in das ländliche Leben, Arbeiten und Feiern der Menschen, entführen in eine längst vergangene, aber trotzdem authentische, Welt. Glauben wie Fotografieren erfordert Leidenschaft und Hingabe und die habe ich 2005 in San Sperate beim Fest zu Ehren des Heiligen Johannes wiedergefunden. 

Sardinien.com: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Was für eine Welt wird uns ihre Kamera in Zukunft zeigen?

Pablo Volta: Im Moment arbeite ich an einer Ausstellung. Die Schau nennt sich 50 anni di feste popolari in Sardegna und gibt einen Überblick über die sardischen Volksfeste seit den 1950er Jahren bis heute. Ein weiteres Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, ist eine Videodokumentation aus Fotografien, die sich Demolizione Z nennt und den Abriss der Zuckerfabrik in Villasor zeigt. Die Zuckerraffinerie beschäftigte bis vor wenigen Jahren einen Grossteil der Bevölkerung der Region Campidano. Daneben spiele ich in Villasor im avantgardistischen Theater Fuedde e Gestu auch einmal in der Woche den Szenenfotografen. Zu meinen kurzfristigen Plänen gehört ebenfalls ein Bildband über den berühmtesten Bildhauer und Maler von San Sperate, Pinuccio Sciola.
 
Pablo Volta ist drei Jahre nach diesem Gespräch am 28. Juli 2011 im Alter von 85 Jahren gestorben
2
SUCHEN
 
Andrea Behrmann
Raffaele Muscas: Vollblutkünstler aus San Sperate
Maler Raffaele Muscas
Vollblutkünstler aus San Sperate
Töpfermeister Giampaolo Mameli aus San Sperate
Töpfermeister Giampaolo Mameli
Der Künstler über sein Heimatdorf, sein Leben und seine Kunst
Pinuccio Sciola: Bildhauer und Maler aus San Sperate
Pinuccio Sciolas Giardino Sonoro
Kein Stein ist ein stummer Wächter der Zeit!
Der wunderbar verrückte Garten des Fiorenzo Pilia
Der wunderbar verrückte Garten des Fiorenzo Pilia
Traumreise in San Sperate