Arba at Ashar oder der 14. Turm
Ein Bericht von Barbara Hamilton
Das von genuesischen Fischern gegründete Dorf Arbatax hat seinen märchenhaft klingenden Namen aus dem Arabischen. "Arba at Ashar" bedeutet "Vierzehn Türme" oder "Der vierzehnte Turm". Vielleicht war diese Bezeichnung eine Identifikationshilfe der Sarazenen, die diesen Hafenort wiederholt anliefen.
An der sonst durch große Buchten wenig gegliederten Ostküste Sardiniens bildet das wie eine Felsenburg vorspringende, 150 Meter hohe Capo Bellavista mit seinen beiden rundlichen, bewaldeten Hügeln nicht nur einen markanten Punkt, sondern auch einen natürlichen Schutz gegen Wellen und Stürme, den die Hafenanlagen geschickt ausnutzen. 
Der alte Dorfkern des Fischerdorfs besteht aus kleinen Häusern, die sich an den Berghang des Capo Bellavista schmiegen. Die anderen beiden Ortsteile sind moderne, fast reine Touristensiedlungen auf der Südseite des Kaps. Das Dorf besitzt zwei Kirchen mit sehr freundlichen Glockenspielen: Die alte granitgraue Chiesa Stella Maris reckt ihren strengen Turm über den Hafen; die Chiesa San Giorgio ist erst ein paar Jahre alt und überrascht mit interessant verspielter moderner Architektur und einem an der äußeren Nordseite befindlichen Wasserhahn mit vier Glöckchen. Sie liegt am Beginn des modernen Siedlungsgebietes mit Ferienhäusern, Hotels und Campingplätzen, das sich bis zur Badebucht von Porto Fráilis ausdehnt.
Ein dritter Ortsteil liegt am alten spanischen Wachturm Torre San Gemiliano an der Südwestseite des Kaps. Er gibt sowohl dem Ortsteil als auch der dritten Kirche und der gesamten Bucht mit weißem Sandstrand hinter der Halbinsel seinen Namen.
Weithin sichtbar thront über dem Dorf der für die Seefahrt wichtige Leuchtturm auf dem über etliche Serpentinen erreichbaren Capo Bellavista. Das große Leuchtturmhaus mit seinem Turm wirkt fast schlossartig. Mit 35 Seemeilen Tragweite ist dieses Seezeichen eins der wichtigsten Leuchtfeuer des westlichen Mittelmeeres. Vorbei an einem wie auch immer dorthin geratenem, zwischen Bäumen eingekeiltem Flugzeug der Militärstation führt eine bewaldete kleine Straße auf den Gipfel. Belohnt wird der auch mit dem Auto zu erledigende Aufstieg mit einem grandiosen Blick über das Meer mit seinen Buchten und in die vom Gebirge wie ein Amphitheater umschlossene fruchtbare Ebene mit den eingestreuten Häuserhaufen von Arbatax, Tortolì und Santa Maria Navarrese sowie den an den Berghängen klebenden Häuschen von Lanusei, Villagrande und Talana.
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Arbatax ist mit seinen etwa 500 Einwohnern zwar nicht der größte, wohl aber der bedeutendste Ort an der Küste der Ogliastra, die zu den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Regionen Sardiniens gehört. Es gibt kaum Industrie, so sind neben dem gerade erwachenden Tourismus Ackerbau und Viehzucht die Haupteinnahmequelle. Als der italienische Staat in den 1960-er Jahren dem unterentwickelten Sardinien wegen der mangelhaften Infrastruktur auf die Beine zu helfen versuchte, wurde die Region Tortolì-Arbatax zum Zentrum der industriellen Förderung. Das endete nicht immer glücklich. Zum Einen profitierte nicht Sardinien von den Investitionen, weil die Gewinne an die verantwortlichen Festlandfirmen zurückflossen; zum Anderen erwiesen sich die Neugründungen oft als Fehlkalkulation, wie die an zwei hohen Schornsteinen erkennbare Papier- und Sperrholzfabrik in unmittelbarer Nähe des Hafens von Arbatax. Es hatte sich als unrentabel erwiesen, das benötigte Holz vom Festland erst einführen zu müssen. So ist der ehemals größte Arbeitgeber der Region seit einigen Jahren geschlossen. 

Seit Anfang der 1990-er Jahre besetzt die Firma Intermare Sarda einen Teil des Hafens. Hier werden für weltweite Auftraggeber riesige Offshore-Stahlkonstruktionen für die Öl- und Gasindustrie gefertigt. Seit 1991 sind verschiedene Bohrinseln in Größen zwischen 300 und 25.000 Tonnen gebaut worden. Für die Verschiffung der größten Plattform ins nahe Lybien musste 2005 sogar ein Teil des Yachthafens demontiert werden. Die teils horizontal, teils vertikal gefertigten Konstruktionen und vor allem der knapp 120 Meter hohe gelbe 1000-Tonnen-Turmkran sind bis weit in die Ferne zu sehen. Die gewaltigen Stahlkolosse bilden beeindruckende Landmarken - sowohl von See, als auch von den umliegenden Bergen aus. 2006 war auch ein zweiter Riesenkran zur Reparatur  "zu Gast". Aufrecht stehend wurde er mit majestätischer Langsamkeit vom Festland herüber in den Hafen geschleppt worden, wie ein aufgeklappter Zollstock, den man zum Versand zusammenzuklappen vergaß. Der Riese war einfach auf einem eisernen Ponton festgeschweißt. Es hat drei Tage gedauert, ihn an Land zu bringen - aufrecht natürlich.
Arbatax gehört nicht nur verwaltungstechnisch zur drei Kilometer entfernten quirligen Kleinstadt Tortolì, es stellt auch deren Hafen. Zahlreiche kleine Fischerboote beherbergt der ihnen vorbehaltene Teil des Hafens, während einige große Heckfänger an der Außenmole im Westen viel Platz vorfinden. 
Vom einst noch intensiver als Handelshafen genutzten Standort mit weit umfangreicheren Schiffsverbindungen zeugt die schöne Tradition, dass sich jedes Schiff mit einem "Gemälde" an der Hafenmauer zu verewigen hatte. Noch immer sind etliche mehr oder weniger naive Bilder zu bewundern, was auch ein Teil der Sardischen Tradition der hier Murales genannten Wandbilder ausmacht.
Außerdem ist der Hafen Anlegestelle für Fährschiffe der Reederei Tirrenia, die das italienische Festland mit der Insel verbinden. Zweimal in der Woche stoppen die Fähren aus Cagliari auf ihrer Fahrt von und nach Civitavecchia in dem kleinen Hafenort. Sie versorgen die Insel nicht nur mit Waren und entsorgen beispielsweise den Schrott der Insel - in der Saison landen ganze Trauben von Urlaubern in Arbatax, um sich von hier aus auf der ganzen Insel zu verteilen.
Zur Ankurbelung des sardischen Sporttourismus entstand in den letzten Jahren innerhalb des weiten Hafenbeckens eine hübsche moderne Marina, in der neben einheimischen Booten aller Kategorien auch Segelyachten aus der ganzen Welt Schutz finden. Gleich nebenan befindet sich dazu passend eine gut ausgestattete Werft mit verschiedenen Travellifts bis 200 t.
Dessen ungeachtet vermag das alles nicht die Beschaulichkeit des sich malerisch auf den Hügel des Capo Bellavista emporziehenden Ortes zu zerstören. Das hiesige Seegebiet gehört zu den saubersten des gesamten Mittelmeeres. Die langen weißen Sandstrände sind auch deshalb sehr beliebt, aber trotzdem nie überlaufen. Besonders der die ganze Bucht des Golfo di Tortolì säumende Strandstreifen zwischen Meer und der Lagune des Stagno di Tortolì mit seinem phantastischen Blick auf die Berge der nördlich von Arbatax beginnenden Steilküste ist hervorzuheben.
Ein Wahrzeichen Sardiniens sind die berühmten "Rocce rosse" – die roten Felsen von Arbatax, die durch die außergewöhnlich rote Farbe des Porphyrs beeindrucken. Zerklüftete Prophyrklippen gibt es an dieser Küste noch viele, keine sind jedoch so eindrucksvoll bizarr zerfressen wie diese vom blauen Meer weiß umgischteten, Phantasie anregenden Gebilde. 
Etwas unglücklich ist ihr Zugang durch einen staubig unbefestigten und sehr schlaglochhaltigen Parkplatz rechts von der Hafenzufahrt. Eine gut gemeinte, aber unfertige Panoramaterrasse aus rotem Porphyr, vermischt mit Steinen aus dem hier auch im benachbarten Berg vorkommenden grauen Granit und schwarzem Basalt vervollständigt das Panorama. Ebenso unfertig sind die benachbarten Bauruinen am Anfang der Außenmole, deren Weiterbau wohl den rauen Kräften von Meer und Wind geopfert werden musste. Tradition bei den Einheimischen haben die romantischen Treffen der Verliebten am roten Felsen, die hier erste Erinnerungs-Fotos schießen, und diese Fotozeremonie später als Hochzeitspaar wiederholen. Die wagemutige Jugend springt aber, bevor es so weit ist, erst einmal vom Felsen ins Meer, um die Sommerhitze abzukühlen. 
Der alte Turm, den die Spanier im 15. Jahrhundert als Wachturm gegen einfallende Sarazenen erbauten, und der dem Ort seinen Namen gegeben hat, steht noch heute am Beginn der von großen alten Pinien gesäumten Dorfstraße. Wie von einer Promenade bieten sich von hier wunderbare Ausblicke über den Hafen hinweg bis zu den Bergen. Beliebt sind die schattigen Mäuerchen der Promenade auch bei den alten Männern des Dorfes, die hier ihren sardischen Dialekt pflegen. 
Architektonisch interessant ist das wohl schönste Feriendorf Sardiniens in der kleinen nach Osten offenen Bucht Cala Moresca am Fuße des Capo Bellavista. Etwas zu glatt und schön, wirkt es aber doch wie ein altes sardisches Dorf, obwohl es erst ein paar Jahre alt ist. Hier sind die Trümmerreste, Gitter, Balkone und Steine des durch einen Erdrutsch zur Geisterstadt zerstörten Ortes Gairo Vecchia wieder verwendet worden.
Am Eingang zum Fährhafen ist eine weitere Attraktion von Arbatax zu finden: Der kleine romantische Bahnhof der Schmalspurbahn Trenino Verde, die von hier aus auf einer schwindelerregenden Serpentinenstrecke rumpelnd quer durch die Berge der Barbagia bis nach Mandas in der Provinz Cagliari fährt. Die unendliche Zahl der Kurven ist nicht nur der gebirgigen Wegstrecke zu verdanken: Als die Bahn ab 1894 gebaut wurde, ist nach gebauten Streckenkilometern bezahlt worden! Damals diente die Bahnverbindung zum Hafen von Arbatax auch der Verteilung der landwirtschaftlichen Güter. 
Heute verkehrt das Bähnchen aus den fünfziger Jahren leider nur noch von Mitte Juni bis Mitte September überwiegend für Touristen. Es empfiehlt sich, reichlich Wegzehrung und vor allem Getränke für die fünfstündige und 159 Kilometer lange Kletterfahrt nach Mandas mitzunehmen – und natürlich den Fotoapparat für die grandiosen Ausblicke. Man kann die Fahrt auch abkürzen und beispielsweise im Bergdorf Sadali aussteigen, dort am Wasserfall mit der alten Mühle Mittagessen oder einen Ausflug zu den Grotten "Is Janas" machen, um später wieder in den Gegenzug zu steigen.
Das liebevoll mit alten musealen Ausstattungsstücken ausgerüstete Bahnhofsgebäude von Arbatax beherbergt zur Saison den Fahrkartenschalter. 
Für Eisenbahnfans interessant ist das alte Drehgestell vor dem Lokschuppen, der die gleichen liebevoll beschnitzten Dachbretter aufweist wie das Bahnhofsgebäude – beide im gleichen Porphyr-Rot getüncht, der Farbe, der man im Dorf noch des Öfteren begegnet. 
 
Archiv sardinien.com
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Grotta Su Marmori - Schauhöhle hoch über Ulassai
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