San Priamo
Erhebende Momente im Inland von Muravera
Es gibt Orte auf Sardinien, die kennen selbst Einheimische und Inselerfahrene nur vom Durchfahren. San Priamo, das kleine Durchgangsnest auf der alten Staatsstraße Orientale Sarda, ist einer davon.
Verfallene Häuser, eine Tankstelle, eine Metzgerei, ein Fischhändler und ein Lebensmittelgeschäft. Dazu zwei verschlafene Bars im Stil der 1970-er Jahre: Hier verirrt sich kaum ein Urlauber hin. Schon gar nicht mehr, seit man San Priamo dank der 2011 eingeweihten Schnellstraße nach Muravera weiträumig umfahren kann. 

Dabei verbirgt sich am Ortsrand des kleinen Weilers ein Aussichtsberg, der einen Zwischenstopp lohnt: Der Pilgerberg des Santuario di San Priamo. Ein steiler Weg führt hoch hinauf zu der Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die auf einem neusteinzeitlichen Brunnenheiligtum erbaut wurde. Leider kann man das Kirchlein nur zu besonderen Anlässen besichtigen. Regelmäßige Messen werden hier keine mehr gefeiert. Dafür hat man einen fantastischen Blick auf das Tal, das Bergmassiv der Sette Fratelli, die Lagnuneseen von Feraxi und das stahlblaue Meer am Horizont. Hier, wo sich fast kein Tourist jemals hin verirrt, kann man mal so richtig durchatmen: Ein wahrhaft erhebender Moment.

Das Landkirchlein liegt an einem Berg, der zusammen mit der fruchtbaren Talsohle im Mittelalter wohl gut bewohnt war: Wer durch den Kiefernforst oberhalb des kleinen Heiligtums streift, kann überall Mauerreste finden. Hier lag im Mittelalter der Ort Bidda Maiòri, strategisch günstig am einzigen historischen Verbindungsweg vom Golf von Cagliari zur sardischen Südostküste gelegen. Einige Landkarten verzeichnen hier sogar den Nuraghe San Priamo, aber mehr als ein paar Steinringe sind von dem Urzeitbau nicht übriggeblieben. 

Doch zurück zum neuzeitlichen San Priamo, das zu Füßen des Aussichtsbergs liegt. Der Ortsteil von San Vito mit seiner Piazzetta und der geradlinigen, aber schmucklosen Kirche von Sant'Andrea Apostolo im Architekturstil des Faschismus, wurde 1927 als Agrarkolonie gegründet. Das auf dem Reißbrett entstandene Agrarzentrum hieß ursprünglich Villaggio Giurati, zu Ehren des Bauministers Giovanni Giurati des italienischen Diktators Benito Mussolini. In den urbar gemachten Ebenen rund um die Flüsse von Riu Picocca und Riu Corr'e Pruna wachsen heute saftige Orangen und würzige Oliven und in den fischreichen Lagunen von Feraxi tummeln sich Millionen von Meeräschen, Doraden und Seebarsche. Und einmal im Jahr, am dritten Augustwochenende, erwacht San Priamo aus seinem Dornröschenschlaf: Dann laden die Angler der Fischereigenossenschaft “Pescatori Feraxi” zur großen Party ein. Bei dem Fischfest "Sagra de su Pisci" gibt es auf der kleinen Piazza fangfrischen Fisch vom Grill zu degustieren und der Trachtenverein aus San Vito marschiert die Hauptstraße entlang. Die Winzergenossenschaft aus Castiadas sponsort das gastronomische Event mit hektoliterweise Vermentino-Wein.
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Timo Lutz
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