Fertilia
Faschistische Architektur, venezianischer Einfluss und der Charme vergessener Orte

Fertilia - Das ist ein eigentümlicher Vorort von Alghero, pittoresk an der Küste der Korallenriviera und an der Mündung der Lagune von Calich gelegen. Die Retortenstadt, deren Name soviel wie "Fruchtbarkeit" bedeutet, war als Vorzeigeprojekt der faschistischen Stadt- und Landschaftsplanung der 1930-er Jahre gedacht.

Doch findet man heute, nur wenige Kilometer westlich der katalanischen Hafenstadt Sardiniens, eine venezianisch angehauchte Minisiedlung ehemaliger Exilitaliener aus Istrien und Dalmatien. Dazu jede Menge verblasste Fassaden, verwitterte und verlassene Wohnblöcke, einsame Bogengänge mit Trachytsteinrändern und ockergelben, ordentlich geradlinig und parallel verlaufende Häuserfassaden, an denen es an allen Ecken und Enden rostet und bröckelt.

Der knapp 2000 Einwohner zählende Stadtteil von Alghero mit seiner monumentalen Architektur, den wuchtigen Bauten, der Paradestraße und dem Prachtplatz Piazzale San Marco scheint ein Ort zu sein, den man einfach irgendwann einmal vergessen hat. Unter den dunklen Arkaden gibt es nur ein paar Cafés und die letzten Läden verlassen nach und nach den Ort. Die klapprigen Rollläden der staubigen Einkaufspassage scheinen für immer verschlossen zu bleiben. Es ist dieser spannende Hauch von Endzeitstimmung, der Urlauber zumindest für einen Spaziergang in das vergilbte Küstenstädtchen lockt.

Fertilia und die die Nurra
Die meisten Feriengäste von Fertilia kommen in den Landgütern und Hotels unter, die im Flachland der Kulturlandschaft der Nurra verteilt sind. Auch der kleinste Flughafen der Insel, der Aeroporto di Alghero-Fertilia, befindet sich hier. Die weiten Ebenen dieses Kulturlands wurden im späten 19. Jahrhundert mit Hilfe von Strafkolonien erschlossen. Es wurden malariaverseuchte Sumpfgebiete urbar gemacht und Lagunenseen eingedämmt, um landwirtschaftliche Nutzflächen für Oliven, Getreide und Wein zu schaffen. Unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini wurden in den 1930-er Jahren aus dem fernen Ferrara (Venetien) Bauern an die Küste westlich von Alghero umgesiedelt, um aus dem ehemaligen Ödland fruchtbare Felder zu machen. Zunächst sollten die Umgesiedelten Familien jedoch ihre ideale Stadt errichten, so die Idee der Stadt- und Gesellschaftsplaner.

Razionalismo italiano 
So sollte hier im Nordwesten Sardiniens die perfekte Stadt der Neuzeit entstehen. Die architektonische Stilbewegung des Rationalismus (razionalismo italiano), die als Baukunst des Faschismus der 1920-er und 1930-er Jahre zahllose Prachtbauten in ganz Italien schuf, wollte hier ein perfektes Städtekonzept schaffen. Klare Linien und städtebauliche Gliederung in Soziales, Kommerzielles und Religiöses sollten ein durchgeplantes urbanes Zentrum ohne Schnörkel bilden. Darum herum wurde eine Gartenstadt nach englischem Vorbild mit locker verteilten Wohnungsbauten geplant, die allerdings nie gebaut wurde.
Im Jahre 1936 wurde von der Siedlungsgesellschaft "Ente Ferrarese di Colonizzazione" der Grundstein für Fertilia gelegt. Dabei war die Fantasie der Schaffer aber begrenzt: Das Städtebaubüro 2PST um den Architekten Concezio Petrucci gewann gleich drei Aufträge für Planstädte in Italien. Es ist also kaum Zufall, dass die Kirche von Fertilia dem Gotteshaus von San Michele in der Industriestadt Aprilia im Latium gleicht. Und ein Rathausturm mit offenem, rechteckigen Bogengang wie in Fertilia findet man ganz ähnlich in Pomezia bei Rom.

Von Istrien und Dalmatien nach Sardinien
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs herrschte in Fertilia Stillstand, die Siedler aus Norditalien kehrten in ihre Heimat zurück und die halbfertige Retortenstadt drohte zu verfallen. Nach dem Krieg hatte Italien ein Siedlungsproblem: Das Ostufer der Adria, einst Teil der Republik Venedig und später Teil des Italienischen Königreichs, fiel an Jugoslawien und die junge Italienische Republik musste Teile Istriens und Dalmatiens abtreten. So wurde manch italienische Familie schnurstracks ins ferne Sardinien umgesiedelt und Fertilia ein zweites Leben eingehaucht. Heute erinnen zahlreiche Straßennamen in Fertilia an die Herkunft neuen Einwohner (Der Name der Via Fiume geht auf den italienischen Namen von Rijeka zurück, Via Zara steht für Zadar und Via Parenzo steht für Porec in Istrien).
Auf der großen Piazza am Meer, mit besten Blick auf Alghero, prangt in auf einer großen Säule in kupfernen Lettern: "Qui nel 1947 la Sardegna accolse fraternamente gli esuli dell'Istria di Fiume e della Dalmazia" (Hier begrüßte Sardinien 1947 brüderlich die Verbannten aus Istrien, Rijeka und Dalmatien"). Gekrönt wird das beeindruckende Monument vom Wahrzeichen Venedigs: Dem Markuslöwen. Selbst die Kirche von Fertilia wurde dem Schutzheiligen der Venezianer, dem Heiligen Markus geweiht und 1955 mit dem für Venetien typischen Spitzdach des Markusdoms gekrönt.

Vom Siedlungsprojekt zum vergessenen Ort
Seither hat sich in Fertilia nicht mehr viel getan. Häuser und Wohnblöcke verfallen, dafür wurden direkt daneben moderne Wohnblöcke errichtet. Lediglich der große Sport- und Jachthafen sorgt für ein wenig Abwechslung in dem Küstenort. Und einmal im Jahr am 25. April wird der Schutzpatron von Venedig gefeiert. Ein Wochenende lang werden gleich neben der Freitreppe der Piazzale di Venezia ein paar lärmende Fahrgeschäfte aufgebaut, Bauern und Handwerker bauen ihre Stände auf und abends gibt es Konzerte mit Blick aufs Meer. So kommt zumindest einmal im Jahr richtig Leben in den kleinen Küstenort mit seiner kurzen, aber wechselvollen Geschichte.

2
SUCHEN
 
Timo Lutz
Das Capo Caccia ist einzigartig – das bestätigt ein Blick auf die weißen Kalkfelsen, das türkisblaue Meer und die Landschaft ringsum.
Capo Caccia
Einzigartig! Das bestätigt ein Blick auf die weißen Kalkfelsen, das türkisblaue Meer und die Landschaft ringsum 
Romanisch-pisanische Kirche: Santissima Trinità di Saccargia
Santissima Trinità di Saccargia
Romanisch-pisanische Kirche südlich von Sassari
St. Nikolaus - imposante Statue des Schutzheiligen der Stadt Sassari
Cattedrale di San Nicola
Der Dom von Sassari mit seiner verspielten Barockfassade
Der Zweck mehrere Tonnen schweren Findling am Ende der Rampe des Tempels ist rätselhaft
Monte d'Accoddi
Steinzeitlicher Terassenbau birgt viele Geheimnisse