Sightseeing: Im Ape Calessino
Bei Tempo 30 durch Cagliari knattern
Wir sitzen im Heck des Flugzeugs und genießen eine wunderbare Aussicht auf das Meer. Eingekeilt zwischen Kap, Strand und Salzsee ruht Cagliari im Süden von Sardinien. Wir lassen die Augen über die im azurblauen Wasser dümpelnden Boote schweifen. Der helle Sandstrand ist natürlich nur eines der vielen, wunderschönen Sehenswürdigkeiten der Inselhauptstadt, denn als wirtschaftliches, politisches und kulturelles Zentrum beherbergt die quirlige Metropole Denkmäler von der Zeit der Punier bis hin zur Gegenwart.
 
Cagliari ist übervoll mit Geschichte und beeindruckender Architektur: Bastione di Saint Remy, Torre dell'Elefante, Palazzo de Candia, Piazza Yenne und Dom schmiegen sich eng aneinander und lassen herrlich schmale Gassen und palmenbestandene Plätze frei, in denen sich das süße Leben abspielt. La Dolce Vita – in Cagliari kann man es fast überall genießen! 

Der Flieger geht immer tiefer und braust nur wenige Meter über die Lagune hinweg. Wo soll denn hier die Landebahn sein? fragen wir uns und ziehen unwillkürlich die Füße hoch. Dann sehen wir sie: Das Rollfeld liegt direkt am Wasser und unsere Maschine setzt am Flughafen in Elmas auf. Herrlich! Endlich angekommen! Wir treten hinaus in den strahlenden Sonnenschein und machen uns auf den Weg in die Kapitale. 

In Cagliari ist es ebenso wie mit den Sehenswürdigkeiten in jeder anderen größeren Stadt: Es gibt so unglaublich vieles, das man gesehen oder probiert haben muss, dass es fast unmöglich ist alles zu schaffen. Neben riesigen, trägen Lagunenseen mit stakenden rosa Flamingos, fasziniert  die von den Karthagern gegründete und Nordafrika zugewandte Stadt mit einem lebhaften Hafenviertel, einem mittelalterlichen Burgviertel, einem römischen Amphitheater, herrlichen Plateaus, klassizistischen Palazzi und einer Vielzahl von Museen und Kirchen. Da konzentriert man sich am besten auf einige Highlights oder man vertraut sich einem Begleiter mit echtem Insiderwissen an. Denn eines darf man ob des ganzen Schauens und Bewunderns nicht vergessen, nämlich das süße Leben zu genießen. Und dafür sollte man sich Zeit nehmen.

Wir erkoren Claudio Dessì zu unserem Chauffeur und Begleiter, denn wir wollen uns mitreißen lassen von der italienischen Lebensart. Kurz nach zehn will er neben den Arkaden der Via Roma am Hafen auf uns warten. Erkennungszeichen: Seine geliebte Ape Calessino. Das dreirädrige italienische Kultfahrzeug der 1960-er Jahre, mit Lenkstangensteuerung, 4-Gangschaltung,  klappbarem Verdeck und einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 45 km/h gilt immer noch als Inbegriff von Daseinsgenuß und In-den-Tag-hinein-Leben. 

Wir sitzen im Café Roma, haben bereits an einem Espresso und einem Cappuccino genippt, den zähfließenden Vekehr auf der vierspurigen Prachtpromenade ignoriert, und freuen uns auf unsere Entschleunigungs-Sightseeing-Tour. Auf der knapp 3-stündigen Rundfahrt will Claudio uns nicht nur die Stadt sondern auch den Poetto-Strand und die Salzseen an der Engelsbucht zeigen.
 
Also, wo ist er jetzt? Bevor wir sein Nostalgiefahrzeug sehen, hören wir es knatternd näherkommen. Der 50-jährige schlanke Tour-Guide ist eindeutig der Volltreffer: Sommerlicher Borsalino-Hut, Anzug mit Weste, edler Seidenschal, Turnschuhe und ein charmant gebrochenes Englisch, das an den berühmten italienischen Filmschauspieler Alberto Sordi erinnert. “Buongiorno”, begrüßt er uns strahlend mit einem festen Händedruck. Wir klettern in die Ape und setzen uns auf die durchgehende Rücksitzbank. Neugierig guckt man uns hinterher, während wir in Richtung “Castedddu” wie die Sarden ihren Burgberg nennen, rumpeln.
 
Das idyllische Schlossviertel thront auf einem Kalkmassiv über der Stadt. Die Mauer der Bastei und zwei pisanische Türme aus dem 13. Jahrhundert bilden einen schützenden Wall. Innerhalb der Festung tut sich eine Welt voller enger Gassen und Kopfsteinpflaster auf. Um uns herum die Kathedrale Santa Maria, der Königspalast, das frühere Rathaus, die Basilica Santa Croce und der größte Museumskomplex der Insel, in dem es die Bronzestatuetten aus der Nuraghenzeit zu bewundern gibt; dazu Künstlerateliers und Cafés.

Wer Sardiniens größter Stadt, die einst wie Rom auf sieben Anhöhen errichtet wurde einen Besuch abstattet, ist überrascht wie hügelig sie ist. Claudios Ape ist klein, laut und holperig, aber ein absolutes Stadt-Geschöpf! Sie schlenkert wunderbar durch jedes enge Sträßchen, legt sich mächtig in die Kurven und bewältigt die heftigen Anstiege zum Schlossviertel und Amphitheater in Nullkommanichts. Ape in der Burg ist ein bisschen wie Achterbahn fahren. Der kleine Transporter bringt einen langsam in die Höhe, nur um dann gleich wieder nach unten zu rauschen. Wenn man die Augen schließt und den Fahrtwind in den Wimpern spürt, fühlt sich das ein wenig nach Fliegen und Leichtigkeit an.
 
“Lust auf einen Aperitif oder Snack?”, fragt Claudio plötzlich und rollt mit Tempo 30 durch die verwinkelten Wege zur Bastione Santa Croce. Natürlich findet man das viel gepriesene süße Leben vor allem auch im lukullischen Bereich. Und wenn man etwas in Cagliari gut kann, dann ist es chillen, essen und trinken. Das kleine Café direkt neben der Torre dell'Elefante und der Platz mit Palmen, die sich im Wind wiegen ist sensationell. Hier genießen wir einen eisgekühlten, knalligen Cocktail San Pellegrino, sardisches Fingerfood sowie einen herrlichen Blick auf die tiefer liegenden Stadtviertel und das Meer. 

Uns mit Infos zu versorgen, fällt Claudio überhaupt nicht schwer: In einem verständlichen Kauderwelsch spricht er über Karthager, Römer, Pisaner und König Karl Emanuel IV. - eine Einmann-Show der besonderen Art! In die Tourismus-Branche ist er eher zufällig geraten. “Durch die Hintertür”, sagt er und lacht. Denn eigentlich ist er Schlachter. Doch als die Metzgerei in der er arbeitete vor zwei Jahren schloss, sattelte er um. Der Ankauf der “Apixedda”, wie die “kleine arbeitsame Biene” auf Sardisch heißt, war nicht leicht für ihn, denn Ersparnisse gab es kaum. “Heute bin ich aber sehr glücklich in meinem Beruf und mit Leib und Seele dabei.” Und dann ergänzt er “Ich hätte nie gedacht, dass mir mein neuer Beruf mal so viel Spaß macht.” 

Gut, dass wir uns für eine Fahrt mit dem kultigen Dreirad entschlossen haben. So kann Claudio uns noch ein paar Anekdoten verraten und die besten Ecken abseits herkömmlicher Pfade zeigen. Wir steigen wieder ein und nähern uns dem mehr als 30 Meter hohen Elefantenturm. Ein drohendes Fallgitter mit rostigen Spitzen bewacht den Durchgang. “Seht ihr den kleinen Marmorelefanten über dem Eingang?”, fragt uns Claudior. Wir nicken. “An dem wurden früher die Köpfe der Hingerichteten öffentlich zur Schau gestellt.” Wie gruselig ist das denn? Claudio lacht und knattert zu einem zweiten herrlichen Aussichtsplateau, der Bastione di Saint Remy. In der Luongebar auf der weißen Terrasse treffen im Sommer einheimische auf ausländische Touristen und Spaziergänger. Allein die Aussicht lässt Besucher nachvollziehen, was den berühmten, englischen Schriftsteller D. H. Lawrence Anfang des 20. Jahrhunderts in Verzückung geraten ließ, als er die Stadt beschrieb: "Ein nacktes, bernsteinfarbenes Juwel, das sich plötzlich, wie eine Rose, aus der Tiefe der breiten Bucht öffnet”.

Vorbei an der Piazza Costituzione mit einem der ältesten Kaffeehäuser der Stadt und der Via Manno mit ihren schicken Boutiquen ruckeln wir weiter zum Colle di Monte Urpino. Dunkelgrün erhebt sich die Hügelkuppe im Süden der Stadt: Ein großer Park, von dem aus die Stadt, die blaue Engelsbucht und die sie umfassenden Gebirgszüge einem winzig zu Füßen liegen. Der Himmel ist außergewöhnlich klar, und am Horizont sieht man sogar das Capo Carbonara bei Villasimius. Welch großartige Aussicht! 

Auf dem Weg zum Strand lässt Claudio alle Gänge seiner “Biene” voll ausfahren. Wir flitzen jetzt mit 45 km/h über die Viale del Poetto. Am malerischen Jachthafen Marina Piccola machen wir halt, trinken einen Latte Macchiato und schauen aufs leuchtende Meer. Hier grenzt Cagliari an das Capo Sant'Elia an, den die Sarden “Teufelssattel” nennen. Der Legende nach soll der Erzengel Michael hier Luzifer besiegt haben. “Bei seiner Flucht stürzte der Teufel aus dem Himmel mit seinem Pferd ins Meer und verlor seinen Sattel, der auf dem Berg landete und beim Aufprall die tiefe Einbuchtung hinterließ, die man heute noch sieht”, erklärt uns Claudio.
 
Vor dem Kap erstreckt sich in der Engelsbucht, der kilometerlage, feinsandige, breite Hausstrand der Inselhauptstadt. Mit flachem Einstieg ins Meer und mäßigem Wellengang ist der Poetto auch für Kinder und Sportbegeisterte geeignet. An der Strandpromenade reiht sich eine Bar an die andere, so dass man nach einem Strandtag auch abends bei einem Crodino oder Spritz das Mittelmeer hautnah genießen kann. 

Dahinter, in den glitzernden Salzseen lebt eine Kolonie wilder Flamingos. Wenige Kilometer also noch zu zuckeln. Autos düsen an uns vorbei. Kinder winken und lächeln aus dem Autofenster, wenn sie an uns vorbeiziehen und Claudio mal kurz hupt. Von all dem scheinen die rosafarbenen Vögel aus den Subtropen nichts zu merken. Ungerührt vom Verkehr auf der nahen Schnellstraße stelzen sie hinter dem Schilfgras durch den seichten See, wühlen im Schlamm oder filtern Wasser durch ihre Schnäbel. Die unter Naturschutz stehende Lagune ist aber auch Revier, Brut- und Niststätte für Kormorane,  Stelzenläufer, Fischreiher, Säbelschnäbler und Zwergseeschwalben, die hier alle Jagd auf winzige Krebse machen. “Der Salinenkrebs ist ein richtiger Leckerbissen für Flamingos und für die rosa Färbung ihres Gefieders verantwortlich”, beteuert Claudio.
 
Ein ferner Seidenreiher zwitschert, Purpurhühner schnattern, Möwen kreischen. Das Getöse hebt an und brandet an das Ufer, ein Flamingo fliegt auf und verschwindet im Schilfdickicht, der Seidenreiher zwitschert noch immer. Die Sonne steht hoch über dem Horizont – wir müssen los. Ein letzter Blick geht zurück zu den durch das Wasser schreitenden Flamingos. 

Dann sind wir irgendwann wieder vor dem Café Roma. Ist die Zeit so schnell vergangen? Genau hier sind wir vor wenigen Stunden losgefahren. “Dem Glücklichen schlägt keine Stunde” heißt es in Schillers Wallenstein-Drama. Wie wahr! Und Claudio hat es uns leicht gemacht dazuzugehören und die Zeit zu vergessen. Erst recht an solch einem entschleunigten Tag wie diesem. Man rollt durch die Straßen, tankt Sonne und gibt sich dem italienischen Dolce Vita hin. Cagliari in der Ape Calessino – einfach fantastico!
 
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Reiseinfos
 
Stadtbesichtigung 
Cagliari auf eine ungewöhnliche Weise kennen und genießen lernen - die Fahrt im Ape Calessino ist mehr als nur eine Stadtrundfahrt! Start- und Zielort der täglichen Touren ist die Via Roma auf der Höhe des gleichnamigen Cafés. Die Fahrten dauern 1 bis 3 Stunden und sind variierbar. Nach Absprache kann der Abholort auch individuell festgelegt werden. Das Ape Calessino bietet Platz für bis zu vier Personen. Preis ab 20 € pro Person. www.cagliaritouring.com
 
Übernachten 
B&B Brezza Marina. Komfortables Gästehaus mit Blick auf das Meer und den Hafen. Direkt in der Innenstadt von Cagliari gelegen. Sehr gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Exzellent geeignet für einen Strand- und Stadtaufenthalt. www.ferien-in-sardinien.com.
 
Essen und Trinken
Caffè Libarium Nostrum
Das trendige, in einem Gewölbe eingerichtete Café liegt im Schlossviertel an der Bastione Santa Croce. Von der Terrasse toller Blick auf die tieferliegenden Stadtviertel und den Hafen. Facebook-Seite
 
Antico Caffè 
Unterhalb der Bastione di Saint Remy liegt eines der ältesten Cafés Cagliaris. Hier haben schon D.H. Lawrence und Grazia Deledda an einem Espresso genippt. Mittags und abends auch gute warme Küche. www.anticocaffe1855.it.
 
Caffè De Candia
Das Wine & Spirit Cafè liegt direkt neben der Bastione di Saint Remy und bietet ausgesuchte Weine und frisch zubereitete Cocktails. Facebook-Seite.
 
Im Hafenviertel Marina gibt es etliche Restaurants in denen Fisch und Meeresfrüchte serviert werden.
 
Andrea Behrmann