Sommer: Erlebnis Schmalspurbahn
Ideal für Bahnfans, Nostalgiker und Familien mit Kindern
Sardinien hat frühgeschichtliche Nuraghen und konkurrenzlos schöne Strände. Es gibt aber auch ganz andere Seiten der Insel zu entdecken: Viel Natur und eine aufregende Fahrt mit dem Trenino Verde.

In keinem Moment würde Herr Albertoni seinen Job gegen einen anderen eintauschen. So wie die Passagiere an diesem Morgen im Pulk auf dem Bahnsteig von Monserrato vor den blauen historischen Eisenbahnwagen stehen, weiß er schon was passieren wird, wenn er seine Trillerpfeife an die Lippen setzt. Mit lauter Stimme verabschieden sich Bekannte und Verwandte von den Reisegästen. Herr Albertoni gibt das Abfahrtssignal, schließt die Tür und der Zug setzt sich langsam in Bewegung. 
 
Der rüstige Sarde aus Quartu Sant’Elena ist Zugchef und seit mehr als 35 Jahren bei der Ferrovie della Sardegna, der sardischen Schmalspurbahngesellschaft, angestellt. Er ist mit seinem Job zufrieden: „Ich bin nicht nur für die Kontrolle und Sicherheit der Fahrgäste zuständig“, erklärt Herr Albertoni. Ein Zug muss immer von einem Zugführer begleitet werden. Er ist Vorgesetzter des Zugpersonals und sorgt für die Aufsicht. „Wenn die kleinen Bahn durch die Landschaft rattert, überkommt mich ein Gefühl von großer Freiheit, ich habe viel zu erzählen und rede gerne mit den Reisenden, schwärmt er.

Die sardische Schmalspurbahn Trenino Verde (95 – 98 cm Schienenbreite) rollt heute in knapp 4 Stunden zu einer Sonderfahrt nach Sadali ins Inland Sardiniens: Mit Dieseltraktion geht es im "atemberaubenden Tempo" von 50 bis 70 Stundenkilometern von Monserrato u.a. über Dolianova, Senorbì und Suelli zunächst nach Mandas und von dort aus weiter durchs Sarcidano und die Barbagia di Seulo über Orroli, Villanovatulo und Esterzili nach Sadali

Sorgfältig füllt Herr Albertoni den Abfahrtszettel aus, legt ihn zu den anderen Vordrucken auf den Tisch und schaut aus dem Fenster. Der Blick über das endlos weite und flache Land im Süden der Insel könnte nicht schöner sein: Gelb und Gold glänzen Weiden und Felder, das helle Braun der Äcker leuchtet in der frühen Sommersonne, der Himmel ist strahlend Blau.

Wie zu früheren Zeiten zieht die Diesel-Elektro-Lokomotive aus den 1950er Jahren vier Personenwagen durch die zunächst wüstenähnliche doch malerisch schöne Landschaft. Bedient wird die Lokomotive des Herstellers Breda aus Mailand von einem Triebfahrzeugführer und einem Begleiter, der als „Beimann“ die Arbeitsfähigkeit des Lokführers überwacht. Die Waggons aus den 1930er Jahren sind liebevoll restauriert und bieten pro Abteil etwa 104 Personen Platz. 

Kurz hinter dem Dorf Gesico erreicht der Zug das Städtchen Mandas. Der Bahnhof mit dem rosafarbenen Bahngebäude ist ein Ort zum Ein- und Aussteigen. Er gilt als wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Nord-Süd-Verbindung nach Sorgono und die Süd-Ost-Verbindung nach Arbatax.

Nach einem kurzen Halt rasselt der Trenino Verde über Hügel und Viadukte talwärts in Richtung Osten. Am späten Vormittag, wenn die Sonne ihre immer kürzeren Schatten auf die Landschaft wirft, trifft der Zug im Bahnhof von Villanovatulo ein. Von hier aus geht es inmitten von Macchia Mediterranea, Ginsterbüschen und Steineichen am Lago Flumendosa entlang weiter zum Haltepunkt Palarana. Selbst die ganz jungen Fahrgäste, die während der Fahrt meist mit MP3-Playern oder Game Boys hantiert hatten, kleben plötzlich mit den Nasen am Abteilfenster: Die Aussicht vom Zug auf den großen See ist atemberaubend. 

Eingeschlossen zwischen zwei Tunneln, steht in Plarana ein kleines einsames Wärterhäuschen mit wunderschönem Blick auf die Natur. Wenn jetzt eine Dampflokomotive durch den Tunnel pfeifen und schnauben würde, könnte man glatt meinen, um 50 Jahre zurück versetzt zu sein. Einsamkeit und Idylle heißt aber auch Strafversetzung, denn wer hier postiert wurde, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen. „Mindestens ein Jahr lang mussten es die unzuverlässigen Mitarbeiter des damals privaten Verkehrsunternehmen in dieser Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit aushalten. Das war schlimmer als Gefängnis“, bekräftigt Herr Albertoni. Nach Einstellung des regulären Linienverkehrs auf der Strecke wurde das Häuschen Nr. 73 nicht abgerissen, sondern als Wärterhausmuseum umfunktioniert. 

In weiten Kehren und durch kurze Tunnel rollt die Schmalspurbahn nun bergauf nach Betilli und Esterzili durch die Barbagia di Seulo. Ginsterbüsche in kräftigem Gelb säumen die Strecke. Hier, wie in der restlichen Barbagia, wachsen besonders wiederstandsfähige Baumarten wie die Steineiche, der Nuss- und Kastanienbaum. Mir dem recht harten Holz dieser Arten wurde Frankreich nach dem Sieg über Österreich im 1859 geführten Sardinien-Piemont-Krieg für ihre militärische Unterstützung vom damaligen Ministerpräsident Cavour belohnt. "Dieses wiederstandsfähige und dauerhaft harte Holz wurde von Frankreich für den Neubau von Schlachtschiffen eingesetzt", berichtet Herr Albertoni. Kaum zu glauben, dass die Schmalspurbahn an erster Stelle den Güterverkehr im unzugänglichen Forstgelände ermöglichen sollte. Doch die zu der Zeit bestehenden Verkehrsanbindungen der Ferrovie-Reali Eisenbahngesellschaft zwischen Cagliari und Sassari, Chilivani und Porto Torres sowie Villamassargia und Carbonia konnten mit einer Schienenbreite von 150 cm nicht ins unwegsame Landesinnere führen.

Mit etwa 50 Stundenkilometern lässt der Trenino Verde die letzten Bäume von Esterzili hinter sich und erreicht auf etwa 705 Meter ü. NN das kargere Hochplateau von Sadali. Wenige Kilometer weiter endet die Fahrt mit der Schmalspurbahn am Bahnhof Sadali - Seulo.
 
Trenino Verde haben die Sarden ihre Schmalspurbahn genannt, weil sie durch die grüne Wildnis Sardiniens, vorbei an malerischen Städtchen des Inlands rattert. So historisch die Eisenbahn auch ist - schnaufen, keuchen und zischen tut sie leider nicht mehr. Lange Jahre waren die alten Dampfeisenbahnen eines der Aushängeschilder der sardischen Schmalspurbahn. Durch die zunehmend günstigeren Einsatzbedingungen von Diesel- und Elektrolokomotiven wurde die Dampflok ab Mitte der 1960er Jahre immer weniger eingesetzt. Im Mai 2003 wurden dann auch die Dampflokomotiv- Sonderfahrten wegen Funkenflug und Brandgefahr eingestellt. 

"Schon bald wird der Trenino Verde im Winterfahrplan streckenweise wieder mit einer Dampflokomotive betrieben", beteuert Herr Albertoni zuversichtlich, "zwei mit Kohle betriebene Lokomotiven des Herstellers SLM Winterthur sind schon restauriert". 
Wenn das nur so einfach wäre. "Viele der ehemaligen Dampflokomotivführer, Lokomotivheizer und Kesselwärter sind mittlerweile pensioniert", erklärt Ingenier Bocconi von der Bahnverwaltung weniger hoffnungsvoll, "uns fehlt das nötige ausgebildete Personal". 
 
Vielleicht wird der Betrieb der Dampflokomotiven nun endgültig eingestellt. Doch noch bereitet diese Vorstellung Herrn Albertoni kein Kopfzerbrechen. Im Vertauen auf das italienische Ministerium für Verkehr und aus Liebe zur "kleinen grünen Bahn" führt er den Trenino Verde auch morgen wieder zuversichtlich in Richtung Sadali.
 
Reiseinfos
 
Essen und Trinken
Ristorante Alle Grotte. In diesem Restaurant, dass nur wenige Meter von der Höhle Is Janas entfernt liegt, stehen typisch sardische Gerichte auf der Karte. Natürlich gibt es Antipasti vom Schwein in vielen Variationen, aber auch Culurgiones, Malloreddus und Porchetto Arrosto. Die Produkte stammen aus der Region um Sadali. Facebook-Seite des Restaurants
 
Trenino Verde
Arst Gestione FdS. Die Gesellschaft bietet zu bestimmten Anlässen Sonderzugfahrten. Außer den Sonderzugfahrten kann man mit dem Trenino Verde von Mitte Juni bis Mitte September von Mandas über Sadali nach Seui fahren. Die Züge fahren an allen Wochentagen außer dienstags. Fahrpläne und Preise: www.treninoverde.com.
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