Schnitt für Schnitt: Su Tusorzu
Schafschur von Hand in Ovodda
Schafe scheren ist gar nicht einfach. Auch wenn man nicht viel dazu braucht - scharfes Scherwerkzeug, festes Seil, Schleifstein, Jutesäcke und gute Laune.
 
Giovanni Mattu, Schäfer, jetzt Pensionär, zeigt mit der Hand um sich - Sos Zuvalesse - das ist sein Heim. Er kennt hier jeden Baum, jede Schafshütte, die Weiden und Täler. Hier oben, wo wir jetzt sitzen, steht ein Häuschen aus Stein. Im Vordergrund grüne Felder, Korkeichen, Obstbäume, weiße Pfade, eine Scheune und etwa zweihundert Schafe, die friedlich auf der Wiese grasen.
 
Giovanni Mattu kommt aus Ovodda, einem eher schmucklosen Dorf in der Barbagia Mandrolisai mit traumhafter Landschaft und atemberaubenden Panorama. Wer einmal hier war, für den ist dieses Gebiet eines der schönsten in der Barbagia.
 
Giovanni wartet auf Freunde und Bekannte, denn jedes Jahr, wenn der Sommer vor der Tür steht, muss den Schafen die Haarpracht runtergeschnitten werden. Da es am späten Morgen schon zu warm ist zum Scheren, treffen Salvatore und seine Freunde sich schon früh um 8:00 Uhr. Erst mal Quartier machen. Auspacken und ankommen in Sos Zuvalesse.
 
Freund Salvatore Maccioni hat sich mit einem ganzen Hammel und Sa Horda (geflochtener Zopf aus Magen und Gedärm des Schafs) abgeschleppt, denn zu einem besonderen Anlass wie Su Tusorzu wird extra geschlachtet. Sa Horda und die Keulen werden von Alessandro über einem offenen Holzfeuer gegrillt, alles andere, Kopf, Haxen, Rippen und Innereien, wird von Michelangelo klein geschnitten und mit Zwiebeln gekocht. Zum Fleisch isst man dann das hauchdünne, knusprige, halbmondförmige Pane Fresa, für das Ovodda so berühmt ist. Gleich hektoliterweise fließt dann auch ein selbstgemachter vollmundiger, dunkler Rotwein mit recht hohem Alkoholgehalt. 

Die Schafe sind friedlich, sie warten in einem eingezäunten Bereich - Sa Mantra Tunda - in den sie nach dem Scheren wieder entlassen werden. Giovanni und Salvatore nehmen sich jeweils ein Schaf, das sie geschickt zwischen ihre Beine klemmen, um ihnen die Füße zusammen zu binden. Schon bald fährt das scharfe Scherwerkzeug Sos Ferros po Tundere auch über Bauch und Beine der anderen Schafe. Alle lassen es geduldig zu, nur ab und zu hört man ein trauriges Mäh, wenn beispielsweise die scharfen Scheren in die Haut schneiden. 
 
Das Wollkleid wird in einem Stück geschoren. Wer besonders geschickt und schnell ist, schafft das in etwa drei bis vier Minuten. Das Vlies wird dann in großen Jutesäcken verstaut. Bis vor kurzem hat Giovanni noch darüber nachgedacht, die Felle zu verkaufen, doch er hat es sich anders überlegt. Er hebt heftig die Arme, um seinem Satz Nachdruck zu verleihen: "Nur 0,36 € pro Kilo gibt es heute noch für die Wolle! Wenn sie nicht runter müsste, würde ich die Schafe nicht mehr scheren". Und die Regierung sieht auch keinen Grund, die Wollproduktion verstärkt zu fördern.
 
Macht das Hirtenleben denn glücklich? Eigentlich schon! Und das ist auch der Grund, warum Tonino Mattu, sein Sohn den Hof jetzt weiterführt. Trübsal blasen ist nicht Giovannis Ding. Als das letzte Schaf geschoren ist, kommt er ganz schnell wieder auf Draht. "Heute ist ein Festtag", beteuert er. Die Sarden lieben den Trubel und Su Tusorzu ist eine Zeit besonderer Freude.
 
Und was macht man an einem Tag, an dem schwer gearbeitet wurde? Erst mal essen. Und dann? Noch einen Espresso bzw. Abbardente (sardischer Tresterbrand) trinken, später vielleicht Murra oder S’Istrumpa spielen.
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