S'Iscravamentu
Die Kreuzabnahme am Karfreitag in Scano di Montiferro
Zu den Besonderheiten auf Sardinien zählt am Karfreitag die Abnahme des Jesus vom Kreuz und die sich daran anschließende Prozession durch die Gassen der Altstädte. Anderthalb Stunden dauert die traditionelle Darstellung S'Iscravamentu in Scano di Montiferro. Neben gezielt eingesetzten dramaturgischen Elementen, bedienen sich die Priester und Bruderschaften außerdem ausdrucksstarker Chorgesänge, um die Gefühle der Gläubigen einmal mehr anzusprechen
 
 
Sas Chilcas – die Kreuzweg-Prozession
Am Morgen des Karfreitag bewegt sich die traditionelle Kreuzweg-Prozession Sas Chilcas durch die Straßen des kleinen, zu Füßen des Montiferru gelegenen Dorfes. Der Zug mit der suchenden Schmerzensmutter ist mehrere Meter lang und vergegenwärtigt den Leidensweg Jesu. Maria begegnet ihrem Sohn schließlich im Oratorium von San Nicolò. Von hier wird der Gekreuzigte gegen Mittag langsam zur Chiesa San Pietro Apostolo getragen.      
 
S'Iscravamentu – die Kreuzabnahme
Am Abend beginnt das Ritual der Kreuzabnahme mit der Einkleidung der Jünger Jesu in der Kapelle von San Nicolò. Sos Discipulos zeigen sich ergriffen und tief bewegt. In ihren schönsten liturgischen Gewändern und ausgerüstet mit langen Leitern, Hammer, Kneifzange und Tragbahre starten sie um halb acht in Richtung Pfarrkirche. Sängergruppen begleiten den Schweigemarsch mit andächtigen Chorälen. Knapp eine viertel Stunde später erreicht der Fackelzug das Gotteshaus. 
 
Hunderte Menschen sind in der Hauptkirche versammelt. Gesänge erklingen, Gebete werden gesprochen, es riecht nach Weihrauch. Die trauernde Gemeinde lauscht den Worten des Priesters. 
 
Nach der Predigt bitten Sos Discipulos um Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz abnehmen zu dürfen. Mit Zustimmung des Priesters wird Jesus zunächst die Dornenkrone abgenommen. Gesichert durch ein Tuchband werden ihm nacheinander mit einer Kneifzange die Nägel aus den Händen und Füßen entfernt. Schließlich wird er am Tuch herabgelassen, auf ein Traggestell gelegt und aus der Kirche getragen - zurück zum Oratorium, das in Scano di Montiferro traditionell als Grab Jesu gilt. 
 
Hinter dem Kreuz marschieren im Schein von Fackeln und in weiße Kapuzengewänder gehüllt die Bruderschaften, die Priesterschaft, die Ministranten, die Kommunionskinder und die vierstimmigen Chöre. Alle paar Meter singen sie eine einfache Version des Miserere. Dahinter kommt der prächtige Himmel, unter dem der in Leinentücher gewickelte Leichnam Jesu auf einer von Kerzen beleuchteten Trage liegt.
 
Ein alter Brauch besagt, dass die Lichter nicht ausgehen dürfen, denn das gilt als schlechtes Omen für das kommende Erntejahr. Heute schert sich allerdings niemand mehr darum. Als beim ersten Windstoß mehr als die Hälfte aller Flammen erlöschen, glaubt niemand wirklich daran, dass dies der Landwirtschaft schaden wird. Im Gegenteil: die Dunkelheit ist Teil des Dramas und macht die stille Trauer und den tiefen Schmerz nur noch deutlicher.

Mehr Informationen: Comune di Scano di Montiferro - Piazza Montrigu 'e Reos- 09078 - Scano di Montiferro - www.comune.scanodimontiferro.or.it.
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Andrea Behrmann
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