Pinuccio Sciolas Giardino Sonoro
Kein Stein ist ein stummer Wächter der Zeit!
Pinuccio Sciola, aus San Sperate brachte Steine zum Klingen. Er gilt als Sardiniens bedeutendster Künstler der Gegenwart. Zahlreiche europäische Kunsthallen und Museen ehren ihn. 2016 ist der Bildhauer und Maler im Alter von 74 Jahren gestorben.
 
Die aus sardischem Stein gehauenen Skulpturen von Pinuccio Sciola zu bewundern und seinen Klangsteinen zu lauschen, ist für jeden Beteiligten ein Vergnügen. Für seine außergewöhnlichen Plastiken verwendete er ausschließlich unbearbeitete Rohlinge, die er auf der ganzen Insel suchte. Seine Liebe galt dem einfachen Kalkstein oder dem Basalt vulkanischen Ursprungs, nicht kostbarem Marmor oder edlem Granitstein.
 
Mit dem Modellieren von Ton und dem Hauen von Steinen hatte Sciola schon als kleiner Junge begonnen, während der harten Arbeit auf dem Acker – als Laie.
 
Als er 1959 einige seiner Skulpturen bei einem öffentlichen Wettbewerb vorstellte, kam die erste Anerkennung: Er gewann ein vierjähriges Stipendium, das ihm den Besuch der Kunstschule in Cagliari ermöglichte. 

Die künstlerische Kraft des Bildhauers war schon damals zu erkennen: Sie wurzelt in der Kultur Sardiniens, trägt aber dennoch die Zeichen der Moderne. 

Nach mehreren Auslandsaufenthalten, unter anderem in Deutschland, Spanien, Frankreich und der Schweiz, initiierte Sciola 1968 erstmals in der Geschichte Sardiniens den Muralismo.
 
Etwa 320 große bis riesenformatige Wandbilder wurden an die Wände seines Heimatdorfes gepinselt. Die Bevölkerung sowie nationale und internationale Künstlerfreunde waren begeistert. Sogar zum Paese Museo, zum "Museumsdorf", hatte er sein San Sperate im gleichen Jahr gekürt. Die Bilder erzählen von der Geschichte und Kultur Sardiniens bis hin zu den harten Alltags- und Lebensbedingungen. Zusätzlich arbeitete er an seinen Skulpturen und Installationen, die er im Dorf aufstellte. 
 
Er wurde an der Kunstschule in Cagliari als Lehrer angeheuert und machte sich zwischendurch immer wieder auf in die weite Welt. 
 
Mitte der 1970er Jahre war er in Mexiko City und arbeitete zusammen mit dem berühmten mexikanischen Wandmaler Siqueiros. 1979 lebt er zwei Monate lang bei einigen Stämmen an der Ostküste Afrikas. Doch seine Gedanken kreisten immerzu um Sardinen und San Sperate - und er kehrte immer wieder zurück. 

Dann war der Zeitpunkt gekommen, um einmal zurückzublicken und zu bedenken, was alles so los war, seit damals, als er Mitte der 1960er Jahre sein Studium der Bildhauerkunst in Florenz aufnahm: Der Weg vom steinernen Gegenstand zum Bildlichen, die Entwicklung einer unverwechselbaren bildhauerischen Position: Bei seiner Arbeit stellte sich ihm dann die Frage, ob denn ein Stein klingen, d.h. einen warmen, weichen, langschwingenden Ton erzeugen kann. Darüber brütete er ab Mitte der 1990er Jahre.
 
Er begann mit einer Diamantfräse in ausgewählte sardische Kalkstein- bzw. Basaltbrocken Linien- oder Gittermuster einzufräsen. Die Tiefe der Einkerbungen oder die Abstände der schachbrettartigen Zäpfchen bestimmen den Ton. Ein C erklingt, wenn der Längseinschnitt 34 cm tief und 6 mm breit ist, ein D ertönt bei einem 31 cm langen Einschnitt und einer Breite von 4 mm. Doch auch die Art, Größe und Form des Steines bestimmen den Laut.
 
Die Pietre Sonore können mit der Hand oder einem kleinen Stein wie eine Harfe angezupft werden: sogleich ertönt eine langschwingende, weiche, mystische Stimme.
 
Sciolas Klangsteine sind Skulpturen eines genialen Tonkünstlers, der dem Publikum einiges abverlangt: Jeder kennt den Stein als stummen Wächter der Zeit, aber dass er Töne erzeugen kann, ahnt niemand - es sei denn, man klopft auf ihn.
 
Sciola reichte es nicht, Steine in Form zu hauen und einzuschneiden, er wollte der vermeintlich leblosen und stummen Materie eine Stimme verleihen, wollte ihre Transparenz und Elastizität zum Vorschein bringen, zu ihren Schwingungen vorstoßen, so wie er es vor langer Zeit bei den alten Mayas in Peru bewundert hat.
 
Bezeichnend ist, dass zeitgenössische Komponisten und Musiker, wie beispielsweise der Trompeter Paolo Fresu, diese Töne und Resonanzen für ganz moderne Kompositionen verwenden.
 
Die Skulpturen und Klangsteine von Pinuccio Sciola sind durch ganz Europa gereist. Man fand sie unter anderem auf der Biennale in Venedig, im städtischen Museum Leverkusen, im Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg, im Kunstverein Heidelberg, in der Stadtgalerie Saarbrücken, in der Galerie Merkel in Stuttgart, auf der Expo 2000 in Hannover, in Kirchheim unter Teck, Hamburg, München, Paris, Versailles und Assisi.
 
In seinem Skulpturen-Garten oder Haus in San Sperate, das zugleich Werkstatt war, empfing er Gäste immer mit einem musikalischen Grußwort – und freute sich wenn die Besucher diese einmaligen Töne genossen. 
 
Mehr Informationen: Giradino Sonoro - Via Oriana Fallaci - 09026 San Sperate - Telefon: +39 324 5875094 - www.psmuseum.it
 
Der Skulpturen-Garten Giardino Sonoro kann täglich besichtigt werden, Führungen stündlich. Okt./Nov/März/April Mo-Fr 10-13, Sa/So 10-17 Uhr. Dezember-Februar Sa/So 10-17 Uhr nur nach Voranlemdung. Mai-Sept tgl. 10-13 und 16.30-19.30 Uhr.
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