Fasching in Ottana
Boes, Merdules und Sa Filonzana
Wer Karneval in Ottana, einem 2300-Seelen-Städtchen südwestlich von Nuoro, feiern möchte, wird vergeblich nach fantasievollen, paillettenbesetzten, bunten, närrischen Kostümen, Konfetti und Luftschlangen suchen. Hier verkleidet man sich als Boes, Merdules oder Sa Filonzana.
 
Für die sardische Fastnacht in der Barbagia-Region ist die Verkleidung mit zotteligen Tierfellen und grotesken Masken typisch. Aus Ottana stammen die auf der ganzen Insel berühmten, wunderschönen, handgeschnitzten Boes-Masken.
 
Die Fastnachtsmasken sind aus dem festen und dauerhaften Holz des wilden Birnbaumes geschnitzt und stellen Tierfiguren dar.
 
Der Boe (dt. Ochse) zählt zu den am meisten verbreiteten Masken in Ottana. Er gilt als Symbol der Stärke und Fruchtbarkeit. Er wird von dem in Tierfellen gehüllten Merdule, dem Hüter der Tiere, mit der Soga (dt. Rute) in Schach gehalten. Die alte, buckelige Filonzana gilt hingegen als Schicksalsgöttin. Sie spinnt ihre Fäden, die die Schicksalsfäden eines jeden Menschen sind.
 
Wild durcheinander und ganz ohne Plan toben Boes, Merdules und Sa Filonzana durch die Straßen der Ortschaft und halten das Publikum in Atem.
 
Macht ein Boe Mucken und mischt sich närrisch unter die Zuschauer, wird er kurzerhand mit der Soga wieder eingefangen. Mit der Rute lauern die Merdules aber auch Einwohnern und Besuchern auf. Höhepunkt der Gefangenennahme ist, wenn Narren und Eingefangener dem Weinausschank entgegeneilen und es sich bei Spritzgebäck und einem Schluck Rotwein auffrischen.
 
Anfang der 1970er Jahre wurde in Ottana, der kleinen Ortschaft an der S.S. 131, wie auch in Sarroch und Porto Torres eine riesige petrochemische Anlage gebaut. Als der von der nationalen Brennstoffverwaltung ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) gewollten Industrie Ende der 1990er Jahre die Luft ausging, wurde das Ausmaß der wirtschaftlichen Fehlentwicklung in dem einst landwirtschaftlich genutzten Gebiet deutlich. Heute gilt der Ort, auf halbem Weg zwischen Ghilarza und Nuoro, als abschreckendes Beispiel staatlich gewollter Industriepolitik. 
 
Sehenswert ist die wunderschöne ehemalige romanische Kathedrale San Nicola im Zentrum von Ottana. Die aus violetten und schwarzen Trachytquadern erbaute Kirche geht auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück.
 
Mehr Informationen: Associazione Culturale Boes e Merdules - Via Emilio Lussu 16 - 08020 Ottana - www.merdules.it.
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Andrea Behrmann
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