Su Nuraxi Entdecker Giovanni Lilliu
Interview mit dem Archäologen
Sardinien.com: Herr Lilliu, Sie sind vor über 80 Jahren in Barumini geboren. Was ist mit Ihren Erinnerungen an die Zeit, als die megalithische Festung Su Nuraxi noch nicht zutage gebracht worden war?

Lilliu: Barumini war damals eine Welt für sich. Bauern und Hirten, jeder kannte sich. Wir Kinder, ich bin der älteste von 8 Geschwistern, spielten damals zwischen den Hügeln der Marmilla, einer vulkanisch geprägten Landschaft. Ich erinnere mich besonders gern an den Hügel, an der Strasse nach Tuili, unter dem ich dann die Anlage entdeckte. Über den Hügel mussten wir immer rüber, wenn wir zur Festa der Marmilla zu Ehren des Heiligen Antonio nach Tuili wollten. Auf dem Rückweg legten wir meist noch eine Ruhepause vor dem Hügel ein und spielten auf unseren Musikinstrumenten, Gitarre oder Mandoline.

Sardinien.com: Wer eine höhere Schule besuchen wollte, musste doch damals in die Großstadt ziehen. Mussten Sie auch weggehen?

Lilliu: Ja. Nach der Grundschule, zog ich zunächst nach Lanusei, wo ich bei den Salesianern zur Schule ging. Später ließen meine Eltern mich in Frascati aufs Lyzeum gehen. Ich kam damals in ein ganz anderes gesellschaftliches Umfeld und entdeckte meine Liebe für die Kunstgeschichte. Ein weiterer wichtiger Moment meiner Karriere war, als ich Ende der 30er Jahre nach Rom zog um Archäologie zu studieren. Ich war begeistert, ich wollte forschen und dokumentieren, fühlte mich aber, wie sich herausstellte ziemlich einsam. Da war noch jene Zeit und jene Insel für die ich mich persönlich engagieren wollte. Mir wurde klar, dass ich mir eigentlich immer gewünscht hatte nach Sardinien zurückzukehren.

Sardinien.com: Und?

Lilliu: Anfang der 50er Jahre bot man mir in Cagliari eine Stelle im zuständigen Amt für Altertumsforschung an. 1955 erhielt ich einen Lehrstuhl an der Universität in Cagliari
 
Sardinien.com: Und was hat Sie dann schließlich bewogen, mit den Ausgrabungsarbeiten auf dem Hügel an der Straße nach Tuili zu beginnen?

Lilliu: Eine Sache war mir aufgefallen. Ein Brunnen markierte die baumlose Hügelkuppe. Das reizte mich. Da musste etwas darunter sein. Vielleicht ein stratifiziertes Dorf. So begann ich Anfang der 50er Jahre mit den Ausgrabungsarbeiten, die etwa 10 Jahre dauern sollten. 

Sardinien.com: Die Sarden nennen die megalithischen Festungen von denen zwischen 1500 und 1200 v. Chr. etwa 7000 bis 8000 entstanden und noch heute relativ gut erhalten sind Nuraghen. Wo entstanden sie und wozu dienten sie?

Lilliu: Diese Rundtürme entstanden überall auf Sardinien. Sie liegen oft an Orten von denen aus man das Gebiet beherrschen kann: an der Küste, auf Bergen, an Flussübergängen oder Pässen. Die Mauern der Türme sind aus schweren Blöcken von Kalkstein, Basalt oder Granit, eben aus Steinen die die Gegend hergab. Je dichter die Nuraghen beieinander liegen, desto höher ist die Qualität des Gesteins. Es gibt "einfache" Nuraghen, die als Wachtürme dienten, um das Land und die Herde zu schützen und "komplexe" Nuraghen, die als Wohnungen der Hirtenstämme und in Gefahrenfällen zugleich zur Verteidigung dienten. Die größeren Nuraghen konnten an die 200 Krieger mit Familie aufnehmen.

Sardinien.com: Ihr Schüler Giovanni Ugas ist der Ansicht, dass es sich bei den Nuraghern nicht um kriegerische Hirtenstämme handelt, die auf Sardinien Fuß fassten, sondern um die geheimnisvollen und fürchterlichen Shardana (ein Seevolk), die zwischen 1300 und 1100 v. Chr. den gesamten Mittelmeerraum zu ihrer Beute machten. Sehen Sie das auch so?

Lilliu: Nein. Seine These baut ja vor allem auf die im Nahen Osten entdeckten und den Nuraghen technisch ähnlichen Rundbauten auf, insbesondere auf das in El-Awat bei Haifa entdeckte Gebäude. Es mag sein, dass die Anlage architektonisch einem Nuraghen ähnelt, doch ist zu beachten, dass nicht nur die Nuragher eine Vorliebe für kreisförmige Anlagen oder Rundtürme zeigten. Architektonische Abwandlungen dieses konischen Kegels aus gewaltigen Blöcken mit Kuppelräumen lassen sich auf der ganzen Welt finden. Es gibt keine Beweise für seine Argumente.

Sardinien.com: 1997 hat die Unesco den von Ihnen entdeckten Nuraghen-Komplex Su Nuraxi in die Liste des Weltkulturerbes eingetragen. Was halten Sie davon?
 
Lilliu: Ich fühle mich geehrt und bin froh über mein Werk. Es ist nicht jedem Archäologen vergönnt, dass ihm seine Arbeit ein solch bedeutsames Zeugnis schenkt.

Sardinien.com: Herr Lilliu, vielen Dank für das Gespräch. 
 
Das Gespräch mit Giovanni Lilliu wurde im Juni 2000 geführt.
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Andrea Behrmann