Parco Nazionale dell’Asinara
Auf Tour in einem fast noch unentdeckten Stück Sardiniens
Die dem Capo Falcone vorgelagerte Isola dell’Asinara liegt am nordwestlichen Zipfel von Sardinien. Aufreizend schön und weithin sichtbar ruht die ehemalige Gefängnisinsel vor den Toren des alten Fischerdorfes Stintino. Vom kleinen Anlegeplatz Marina di Stintino oder vom Hafen in Porto Torres setzen täglich Motorboote auf die zweitgrößte vorgelagerte Insel Sardiniens über. Auf dem Eiland selbst zeigen Fremdenführer des Nationalparks, wie Guide Paola, Besuchern und Gästen die atemberaubende Natur der heute unberührten Insel in geführten Tagestouren mit dem Bus, Jeep oder Minizug.
 
Blickt man von der ca. 400 m hohen Punta della Scomunica im Norden der Isola dell’Asinara gen Süden versteht man, woher das kleine Eiland seinen Namen hat: Vom höchsten Punkt der Insel hat man einen herrlichen Blick auf ihre langgezogene und zackenförmige Silhouette. Der heutige Name Asinara leitet sich von Sinuaria bzw. sinuoso (gewunden, kurvenreich) ab und spielt auf ihre typisch geschwungene Form an. 

Von Süden aus betrachtet, mutet die karge Landschaft der Asinara mit ihrem niedrigen Bewuchs und der zerklüfteten Küste fast mystisch an. In dieser heute von Menschenhand unberührten Natur sind zahlreiche vom Aussterben bedrohte Tierarten zu Hause. In den Teichen und Tümpeln tummeln sich Rebhühner, diebische Elstern, Seeschwalben und Blässhühner. Auf den steil ins Meer stürzenden Granitfelsen nisten Kormorane, Korallenmöwen und Wanderfalken. In der kargen Macchia Mediterranea grasen und weiden Kühe, Wildpferdchen, Mufflons und die berühmten weißen Wildesel. 

Leiden die seltenen, weißen Esel eigentlich unter Farblosigkeit (Leuzismus) oder einer Störung der Farbstoffsynthese (Albinismus)? Es ist Albinismus, wie unsere Fremdenführerin, die uns in Fornelli in Empfang nimmt, ausdrücklich betont. Sie heißt Paola, kommt aus Stintino und kennt die Isola dell’Asinara wie ihre Westentasche. „Auf Sardinien lebte der weiße Esel in der Vergangenheit auch in PadriaPozzomaggioreAlà dei SardiMaraRomanaVillanova Monteleone und in einigen Gebieten des Campidano und des Iglesiente", beteuert sie. "Das weiße Fell und die rosa Haut ist auf eine angeborene Störungen in der Biosynthese der Melanine zurückzuführen: Die Haut dieser Esel enthält zwar die farbstoffbildenden Zellen, doch diese sind unfähig, den Farbstoff Melanin zu bilden. Der Equus asinus var. albina bekommt daher leichter Hautausschläge, außerdem ist seine Sehschärfe und sein räumliches Sehen eingeschränkt. Auch verdankt die Insel ihren heutigen Namen nicht, wie mehrfach irrtümlich angenommen, den hier lebenden asini (Esel)", erklärt Paola. 
 
Es ist schon 9.15 Uhr, weshalb Paola und Ihre Kollegen uns gleich in die Schildkröten-Klinik um die Ecke lotsen. Im Centro Recupero Animali Marini Asinara werden verletzte Panzertiere operiert, versorgt oder aufgepäppelt und anschließend wieder gesund in die Freiheit entlassen. Die meisten Tiere, die hier in Behandlung sind, werden von Schiffsschrauben und Fischernetzen verletzt, doch auch die zunehmende Meeresverschmutzung bedeutet für viele von ihnen den sicheren Erstickungstod. „Die bedrohte, noch im Mittelmeer lebende unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) ernährt sich beispielsweise gerne von Quallen", sagt Paola, "und diese sehen Plastiktüten zum Verwechseln ähnlich.“ 
 
Eine Stunde später packt Paola uns in ihren Jeep und fährt uns rüber zur Strafvollzugsanstalt in Fornelli. 1885 entstand auf der Isola dell’Asinara nämlich eine Strafkolonie. Die fruchtbare und unbebaute Insel wurde damals noch vom örtlichen Adel, dem Duca di Mores, und einigen Bauern bewohnt, die von der italienischen Regierung kurzerhand umgesiedelt wurden und daraufhin das Fischerdorf Stintino gründeten. Mit der Übergabe der Insel an die Gefängnisverwaltung begann Ende des 19. Jahrhunderts die Einrichtung des Straflagers. Es entstanden die ersten Schlafgebäude für die zur Zwangsarbeit verurteilten Sträflinge, die Kasernen für die Aufsichtskräfte, die Unterkünfte für das Verwaltungspersonal sowie Villen für die leitenden Beamten und ein Krankenhaus. Neben dem Zentralgebäude in Cala d’Oliva waren elf Zweigstellen in Betrieb. Anfangs hatten die Häftlinge die Aufgabe, die zahlreichen Hektar Land für die Kultivierung bereitzumachen. Später betrieben sie hier Tierzucht und bebauten Kornfelder. Neben der Tierhaltung und Käseproduktion hatte sich im Gebiet der Zweigstelle Trabuccato ein ertragreicher Weinanbau entwickelt. Auf etwa 72 ha Rebfläche brachten die Rebsorten Jahr für Jahr eine Weinernte von ca. 700 bis 1300 Hektolitern Rebsaft ein. 
 
„In den 1970er Jahren", erklärt Paola, "wurde die Errichtung neuer Gebäude und Sicherheitseinrichtungen erforderlich. Seitdem gab es auf der Insel zwei Arten von Vollzugsanstalten: Die Zwangskolonie für Häftlinge, die zu einer Strafe mit Arbeitszwang verurteilt wurden und das Hochsicherheitsgefängnis in der Außenstelle Fornelli für Schwerverbrecher, Brigadisten und Mafiosi. Die Aufteilung bewirkte natürlich einen großen Unterschied in der Behandlung der Sträflinge und führte in Fornelli zu Sträflingsprotesten und Revolten". Die prominentesten Gefangenen auf der Asinara Insel waren Gangster und Mafiaboss Totò Rina sowie Raffaele Cutolo, der König der Ausbrecher Renato Vallanzasca, die Gründer der italienischen Brigate Rosse Renato Curcio und Alberto Franceschini sowie der berühmte sardische Bandit Matteo Boe. Da die Asinara eine Gefängnisinsel der höchsten Sicherheitsstufe war, gelang es auch nur einem Häftling von hier auszubrechen: Matteo Boe. Dem zu Arbeitslager verurteilten gefährlichen Entführer gelang 1986 die Flucht vom Feld. Behilflich war ihm seine Lebensgefährtin, die mit einem Schlauchboot in einer kleinen Bucht auf ihn wartete und ihn durch die starke Strömung auf das Festland schipperte. Gefasst wurde Boe zehn Jahre später wieder auf der Nachbarinsel Korsika.

1997 wurde das Gefängnis von Asinara geschlossen, da sich die Methoden im Strafvollzug geändert hatten und sich die Finanzierung der Gefängnisinsel jährlich auf die stolze Summe von sieben Milliarden Lire belief. Noch im selben Jahr wurde die Insel zum Nationalpark erklärt. Seit 1999 ist das Naturschutzgebiet das ganze Jahr für jedermann frei zugänglich. Besucher können mit Ausflugsbooten übersetzen, an geführten Exkursion teilnehmen oder die Insel selbständig zu Fuß sowie per Rad erkunden. 
 
 
Die Sonne scheint und Paola fragt uns gegen halb zwei ob wir Lust auf einen Badestopp hätten. Wir haben Lust, verlassen also den Süden der Insel und fahren auf der einzigen Straße über die Cala Sant’Andrea, Cala Marcutza und Cala Reale zur Cala d’Oliva. In der heute verlassenen, kleinen Ortschaft lag einst der Hauptkomplex des Straflagers mit den Büroräumen der Direktion, dem Telegrafenamt, den Wohnungen der Beamten, den Kasernen für das Aufsichtspersonal, den Schlafgebäuden für die Sträflinge, den Werkstätten, der Käserei und den Ställen. 
Nur wenige Kilometer nördlich der Cala d’Oliva liegt die kleine Badebucht Cala Sabina. Das türkisblau schimmernde Wasser hebt sich von dem Grün der Tamariskenbüsche und dem Weiß des feinen Sandstrandes ab. Paola entlässt uns nach kurzer Fahrt am hellen Badestrand. Wir breiten unsere Badelaken aus und machen erst mal Pause: Wer möchte springt ins glasklare Wasser, einige holen ihre Brötchen hervor, andere dösen in der Sonne und lassen sich bräunen. 
 
Nach zwei Stunden drängt Paola zum Aufbruch. Wir fahren abseits der geteerten Straße zur Punta della Scomunica, dem höchsten Hügel der Insel. Eine knappe halbe Stunde später haben wir die 408 Meter hohe Landspitze erreicht. Der Blick auf das Meer und die Silhouette der Isola dell’Asinara ist atemberaubend schön. Paola erzählt, dass am 9. September 1943, einen Tag nach dem Waffenstillstand der Alliierten mit Italien, deutsche Bomber an diesem Küstenstrich das italienische Schlachtschiff Roma versenkten. Untersuchungen am Wrack, an dessen Bord 1.253 Menschen starben, hat es bisher noch nicht gegeben. 

Es ist kurz nach 16.30 Uhr. Wir müssen zurück, denn unser Boot geht in einer knappen Stunde. Paola stellt sich noch kurz am Ankerplatz in Fornelli mit uns auf einen Plausch und einen Espresso an die Bar. Dann bringt uns das Motorboot in ca. 20 Minuten wieder zum kleinen Hafen in Stintino
Sind seit unserer Ankunft auf diesem fast noch unentdeckten Stück Sardiniens und unserem ersten Treffen mit Paola wirklich erst acht Stunden vergangen? Nicht schon 24 oder gar zwei Tage? Unglaublich, wie langsam die Zeit auf der Asinara Insel vergeht und was es hier alles zu erleben und zu sehen gibt! 
 
Weitere Informationen: Nationalpark Parco Nazionale Asinara - Area Marina Protetta - Via Josto 7 - 07046 Porto Torres (SS) - Tel.: +39/079/503388 - www.parcoasinara.org.
 
Schildkrötenklinik Centro Recupero Animali Marini - Asinara - Telefon +39 340 81 61 772 - www.cramasinara.org.
2
SUCHEN
 
Andrea Behrmann
Das Capo Caccia ist einzigartig – das bestätigt ein Blick auf die weißen Kalkfelsen, das türkisblaue Meer und die Landschaft ringsum.
Capo Caccia
Einzigartig! Das bestätigt ein Blick auf die weißen Kalkfelsen, das türkisblaue Meer und die Landschaft ringsum 
Romanisch-pisanische Kirche: Santissima Trinità di Saccargia
Santissima Trinità di Saccargia
Romanisch-pisanische Kirche südlich von Sassari
St. Nikolaus - imposante Statue des Schutzheiligen der Stadt Sassari
Cattedrale di San Nicola
Der Dom von Sassari mit seiner verspielten Barockfassade
Der Zweck mehrere Tonnen schweren Findling am Ende der Rampe des Tempels ist rätselhaft
Monte d'Accoddi
Steinzeitlicher Terassenbau birgt viele Geheimnisse